Madame Dacier

Wie bei Certon ist ihre Übersetzungsarbeit ohne das calvinistische Bekenntnis undenkbar, auch wenn sie dem wachsenden Druck 1685 nicht mehr gewachsen war und Katholikin wurde. Ihr Vater war kurz vor ihrer Geburt zum Protestantismus konvertiert, nach Saumur, einer Hochburg des neuen Glaubens, gezogen und unterrichtete an der dortigen Universität. Für ihn wurde eigens ein Gräzistik-Lehrstuhl geschaffen. Seine Kinder unterrichtete er selbst, auch in den alten Sprachen, die Tochter wie den Sohn.

Die geistige Unabhängigkeit des Vaters, die Wertschätzung der Protestanten für das Griechische, die Tatsache, dass Madame Dacier ihre angeborene Intelligenz zu einer Zeit entfalten konnte/durfte, in der noch Hexen verbrannt wurden, und der Austausch mit anderen Intellektuellen: Das sind die Voraussetzungen für eine der ersten anerkannten Frauen im Übersetzermilieu.

Aber natürlich lebte Madame Dacier hundert Jahre später als Certon. In dessen Lebenszeit fällt die Bartholomäusnacht und die Erneuerung des Toleranzedikts, das zunächst den Religionsfrieden in Frankreich comme ci comme ça sicherte. In ihre fällt die Abschaffung des Toleranzedikts, womit Ludwig XIV. seinen absolutistischen Herrschaftsanspruch sicherte. Das Herrschaftsmodell übernimmt Madame Dacier und sieht es in der Odyssee gespiegelt.

Und das ist der ganz große Unterschied zwischen beiden Übersetzungen: Der eine sieht das sprachliche Kunstwerk, den wunderbar durchgearbeiteten Text, den Stil, die andere sieht die moralische Lehre, das gesellschaftliche Modell, die segensreichen Auswirkungen vorzugsweise auf junge Leser. Deswegen übersetzt der eine in Alexandrinern und die andere in Prosa.

Die Sicht auf den Ausgangstext bestimmt weit stärker als die zeitliche Distanz oder die Geschlechterdiskrepanz oder sonst irgendetwas die Art zu übersetzen. Certon war, was seine übersetzerische Leistung betrifft, seiner Zeit voraus. Madame Dacier war als von Kollegen anerkannte Frau, die in Debatten selbstbewusst Position bezog, ihrer Zeit voraus.

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Anne Dacier (1654–1720), französische Übersetzerin. Stich von Gaillard, nach einem Gemälde von Ferdinand (aus Dreux du Radier, L’Europe illustre VI, 1777)
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c8/Andr%C3%A9_Dacier_-_Imagines_philologorum.jpg
André Dacier (1651–1722), französischer Übersetzer. Stich von Gaillard, nach einen Gemälde von Ferdinand (aus Dreux du Radier, L’Europe illustre V, 1777)

Anne Le Fèvre, 1647-1720, verwitwete Lesnier, verheiratete Dacier, schrieb mit ihren Übersetzungen Literaturgeschichte. Ihr Mann, Übersetzer wie sie, bekam vom König mehr Geld (er 1500, sie 500 Livres Pension nach dem Übertritt zum Katholizismus), sie bekam mehr Anerkennung – u.a. von Voltaire, Alexander Pope und der Marquise de Lambert.

C’est pour elle que le mot « traductrice » fut introduit dans la langue française.
(Für sie wurde das Wort „Übersetzerin“ in die französische Sprache eingeführt.)

https://fr.wikipedia.org/wiki/Anne_Dacier

Zudem stritt sie in der sogenannten Homer-Debatte, ein „Wiederaufflammen der Querelle des Anciens et des Modernes“, eloquent wider die Überheblichkeit der Modernen und für die unerreichbare Vorbildfunktion der Antike:

1713 publizierte Antoine Houdar de La Motte (1672–1731) […] eine Übertragung der Ilias, die gegenüber dem Original deutlich gekürzt und an mehreren Stellen mit dem Ziel, „Fehler“ Homers auszumerzen, verändert worden war. Dem eigentlichen Text stellte La Motte einen Discours sur Homère voran, worin er sein Vorgehen rechtfertigte. Dennoch erregte er den Widerspruch von Anne Dacier (1654[sic!]–1720), die 1714 mit ihrem Buch Des causes de la corruption du goût reagierte. In Verlängerung einer Diskussion aus dem dritten Dialog in Perraults Parallèle kam es so zu einer Debatte über den Vorzug von Original oder Übersetzung.

https://de.wikipedia.org/wiki/Querelle_des_Anciens_et_des_Modernes

Übersetzen war seit Beginn der Renaissance in Italien als eine Art Sparring mit den Autoren der Antike gesehen worden. In der Auseinandersetzung mit dem römisch-griechischen Erbe entstand das Eigene, das Moderne. Deswegen übersetzt ein Griffolino, ein Schaidenreisser, ein Dolce mit radikalen Kürzungen, Verkürzungen und Interpretationen im Sinn der eigenen Zeit.

Die Modernen, deren Standtpunkt Anne Dacier bekämpft, sind in diesem Sinn Traditionalisten, während sie als Vertreterin der Anciennes für das Verständnis der Übersetzung kämpft, das sich durchgesetzt hat: Wir orientieren uns am Original, wir übersetzen nur ganz ausnahmsweise nicht nach dem Werk in der Sprache, in der es ursprünglich geschrieben wurde.

Ob sie diesem Anspruch mit ihren eigenen Übersetzungen gerecht wird, schaue ich mir nächsten Freitag an.

Buchschmuck anno 1756, Detail aus der Odyssee-Übersetzung von Madame Dacier aus dem Exemplar der Staatsbibliothek Berlin

Noch was zu ihrem Leben: Doch ja, sie hat Kinder bekommen. Von beiden Männern. Das erste, ein Sohn, starb 1669, lebte nur wenige Tage und war wohl der Auslöser, dass sie ihren ersten Mann verließ und zum Vater zurückkehrte, sich in einen seiner Studenten verliebte, André Dacier, und von ihm ein Kind bekam, das ihr Ex nicht anerkennen wollte und ihr Aktueller ohne Trauschein nicht anerkennen konnte. 1672 starb der Vater, Anne und André zogen nach Paris, sie finanzierte ihren Lebensunterhalt mit Übersetzungen und als Herausgeberin. 1675 starb ihr erster Mann, 1683 heiratete sie ihren Liebhaber und Vater ihres zweiten Kindes, den Ex-Studenten ihres Vaters. Den frühen Tod einer weiteren gemeinsamen Tochter beklagt Madame Dacier in der Vorrede zu ihrer Ilias-Übersetzung 1711. Angaben nach Rosie Wyles: Ménage’s Learned Ladies, in: dies., Edith Hall (Hg.): Women Classical Scholars. Oxford University Press 2016, S. 61-77, hier S. 66, sowie Jacqueline Fabre-Serris: Anne Dacier (1681), Renée Vivien (1903) Or What Does it Mean for a Woman to Translate Sappho?, in ebenda S. 78-102, hier S. 80f.

Buchschmuck anno 1756, Detail aus der Odyssee-Übersetzung von Madame Dacier aus dem Exemplar der Staatsbibliothek Berlin

Noch ein Postscriptum, off topic: Anne Dacier verdanken wir unser Aschenputtel – im Vorwort zu ihrer Übersetzung sapphischer Oden erzählt sie eine Anekdote aus antiken Biografien über Sappho, die sonst womöglich ihre Wiederaufstehung in Märchengestalt verpasst hätte: Die Geschichte mit dem Schuh, den ein Vogel klaut und einem Königssohn in den Schoß fallen lässt, der daraufhin die Frau sucht, der der Schuh gehört, wurde von der Freundin von Sapphos Bruder kolportiert. Und Charles Perrault hat sie bei Anne Dacier gelesen und 1698 daraus Cendrillon ou la petite pantoufle de verre gemacht. Habe ich von Jacqueline Fabre-Serris, a.a.O., S. 89

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