Muse, bitte in Prosa

Ärger kann produktiv sein. La Valterie hatte die Odyssee nach einer lateinischen Vorlage übersetzt, offenbar im 18. Jahrhundert noch übliche Praxis. Anne Dacier tobte – vielleicht. Wir wissen nicht, wie sie ihrem Ärger Luft machte. Es ist nur überliefert, dass sie aus diesem und keinem anderen Grunde begann, ihrerseits die Odyssee zu übersetzen. Sie ist damit Teil einer neuen Strömung: Allmählich setzt sich in Europa die Erkenntnis durch, vielleicht zunächst unter Protestanten, vielleicht ausgelöst von der erstarkenden Philologie, dass eine Übersetzung nach einer Übersetzung nicht das Original repräsentieren kann.

Eine Kostprobe, leider nicht das gesamte Proömium, La Valterie:

Parlez-moy, divine Muse, de la sagesse de ce Heros, qui apres avoir pris la superbe Troye, erra de Ville en Ville, & connût les Coûtumes differentes de tant de Peuples. Il prenoit un extrême soin de la conservation, & du retour de ses Compagnons ; & sans doute il les auroit conduits heureusement dans leur Patrie.

http://homere.iliadeodyssee.free.fr/traducteur/lavalterie/lavalterie.htm

Hier bittet Homers Ich-Erzähler, sie, die Muse, möge ihm von der Weisheit des Helden reden, nicht von dessen Abenteuern. Troja ist bei ihm nicht heilig, sondern prächtig, die unendlichen Leiden auf dem Meer werden nicht erwähnt – ein echter Kerl kennt keinen Schmerz -, der Held hätte es bestimmt geschafft, seine Kameraden nach Hause zu bringen, wo er doch so viel Mühe darauf und auf die Konservierung 😉 verwandte – hätte, hätte … – und dann bricht der online zur Verfügung stehende Text ab.

Madame Daciers Übersetzung der Odyssee, Ausgabe von 1756 aus den Beständen der Staatsbibliothek Berlin, Band 1, S. 111

Auch Madame Dacier entschied sich für eine Prosafassung Ihre Muse soll von Abenteuern erzählen, die Stadt von Troja ist heilig, und der Held arbeitet daran, sein Leben und das seiner Begleiter zu retten. Die Übersetzerin kann mit Tempo umgehen und setzt punktgenau Akzente: Lange Perioden, erzähl erzähl, und dann kurz und knapp: Aber alle Mühe vergebens. Anschließend geht’s mit langen Perioden weiter.

Muse, contez-moi les aventures de cet homme prudent, qui après avoir ruiné la sacrée ville de Troye, fut errant plusieurs années en divers pays, visita les villes de différens peuples, & s’instruisit de leurs coûtumes & de leurs mœurs. Il souffrit des peines infinies sur la mer pendant qu’il travailloit à sauver sa vie & à procurer à ses Compagnons un heureux retour. Mais tous ses soins furent inutiles. Ces malheureux périrent tous par leur folie: les insensés! ils eurent l’impiété de se nourrir des troupeaux de bœufs qui étoient consacrés au Soleil, & ce Dieu irrité les punit de ce sacrilége. Déesse, fille de Jupiter, daignez nous apprendre aussi à nous une partie des aventures de ce Héros.

L’Odyssée d’Homere, traduite en francois, avec des remarques. Par Madame Dacier, Tome Premier. Nouvelle Edition revuë, corrigée & augmentée. A Paris, Du Fonds des Messieurs Rigaud & Anisson, Chez G. Martin, H. L. Guerin, A. Boudet, & L. F. Delatour, Libraires. MDCCLVI (1756) avec privilege du roi. S. 1f

Mir gefällt, dass sie wirklich in Prosa übersetzt und nicht, wie so manche deutsche Prosaübertragung (die ich lieber nicht nenne, weil z.T. noch im Handel) einen eher faulen Kompromiss fabriziert, der ohne Zeilenumbrüche gesetzt ist, aber jede Menge Konzessionen macht, die sich nur mit einem Versmaß rechtfertigen ließen.

Etwas pausbäckiges Gesicht mit leichtem Doppelkinn, gelockte Hochsteckfrisur mit herunterwallendem Schleier, ruhige Augen, ein ganz klein bisschen verkniffenes Lächeln: das Porträt von Madame Dacier, in Kupfer gestochen
Anne Le Fèvre, eine von 17 Frauen, die der Rechtsanwalt M. Dreux du Radier in seiner „kurzen Geschichte von Herrschern, Fürsten, Prälaten, Ministern, großen Kapitänen, Richter, Gelehrten, Künstler und berühmten Damen“ mit Konterfei und Lebensbeschreibung würdigt. Kupferstich von Sieur Odieuvre. L’Europe illustre, Bd. 6, Paris 1777. Fotografiert aus dem Exemplar der Staatsbibliothek Berlin.

Es ist überhaupt nicht einfach, vom Versmaß loszukommen, ist es erst einmal im Ohr und den Gehirnwindungen angekommen. (Wer’s nicht glaubt, sage sich Heines Loreley vor, und wird wissen, wovon ich rede …) Sie schafft es, und es liest sich so wie die gelungene Übersetzung eines sauschweren, widerständigen Originals nach Tagen und Wochen voller Qualen am Ende klingt: mühelos, fließend, wie selbstverständlich.

Vignette über dem ersten Kapitel der Odyssee in Madame Daciers Übersetzung, S. 1, Ausgabe 1756. Fotografie des Exemplars in der Staatsbibliothek Berlin

Sie kann, wo ein deutscher Übersetzer von Sonnengott oder etwas Vergleichbarem reden müsste, die Sonne auftreten lassen und, ohne dass ihre Leserschaft irritiert wäre, mit „dieser Gott“ anschließen, denn die Sonne ist im Französischen männlich. Auch deshalb wurde Frankreich von einem Sonnenkönig regiert, der die Religionsfreiheit kassierte und dem Ehepaar Dacier nach der Konversion zum Katholizismus eine Pension gewährte. Zuckerbrot und Peitsche oder wie heißt das Prinzip? Wovon hätten die beiden Übersetzer leben sollen, wären sie wie andere Hugenotten nach Berlin geflüchtet? Worauf übrigens die Todesstrafe stand.

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