Wort oder Bild?

Immer noch beim Überarbeiten des neuen Ćosić. Der schmale Band heißt übrigens im Original Kasparov projekt. Und beim Übersetzen verstoße mal wieder gegen die Buchstabentreue. Um dem Text gerecht zu werden. Wie das?

Ein Kapitel darin heißt trg, auf Deutsch Platz. Ich wüsste kein zweites Wort, das vom Register her passt und weder zu fachsprachlich noch zu umgangssprachlich wäre. Deswegen nehme ich mir die Freiheit, stattdessen Straße zu schreiben. Dass ich darüber hier schreibe, zeigt, wie sehr mich so ein Eingriff beschäftigt.

Der Grund: trg ist eindeutig eine im städtischen oder dörflichen Raum genutzte Freifläche. Platz ist vieldeutig. Das Wort bezeichnet nur unter anderem ein unbebautes Areal im bebauten Umfeld, das für Wochenmärkte, Außengastronomie, Paraden oder zum Flanieren genutzt werden kann und vorzugsweise mit Bronzestandbildern akzentuiert wird. In einem Text, der zwischen Anmutungen und Unwägbarkeiten in der Schwebe bleiben muss, führt jede vermeidbare, inhaltlich bedeutungslose Vieldeutigkeit schnell dazu, dass man den Faden verliert und aussteigt.

Zwar ist, wenn man weiterliest, schnell klar, dass es um einen Platz in einer Stadt geht. Aber die Konzentration ist stärker gefordert, die in diesem dichten Text ohnehin stark beansprucht wird. Denn Kaspars Projekt schlägt fast ununterbrochen gedankliche Volten. Was anstrengend und ungemein reizvoll ist.

Ein zweiter Grund spricht fürs Abweichen vom Wortlaut. Es kommt auf das Bild an. LeserIn muss sofort mit zwei in der Fremde verlorenen, übermüdeten Flüchtlingen an einer Bushaltestelle in einem belebten, feiertäglichen Stadtzentrum stehen und vergeblich auf den Kontaktmann warten. So ein Bild muss LeserIn unmittelbar vor Augen stehen. Den Rezipienten zuzumuten, es sich selbst zusammenzubauen, würde den literarischen Charakter des Textes zerstören.

Howgh!

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