Mikado

Ein neuer Band von Bora Ćosić liegt auf dem Schreibtisch. Ich bin in der Überarbeitungsphase, und wie immer finde ich es extrem anstrengend. Eine mühsame, manchmal quälende Arbeit.

Mir ist, als wäre der Ausgangstext wie ein Bündel bunt gestreifter Holzstäbe, die in der Hand des Autors zum Himmel streben, alle auf ihr Ziel gerichtet, eine sinnvolle, schöne Ordnung bildend, und dann lässt der Autor seinen Text los, und im Deutschen sieht er – halbwegs getreu übertragen – aus wie die Stäbe in besagtem Spiel: ein unverständliches, unschönes Durcheinander.

Also tun mir die Augen weh vom genauen Hinstarren, wo ich eine Spitze antippen und den Stab anheben könnte, ohne dass sich ein anderer bewegt. Ich hole tief Luft, damit meine Hände nicht zittern, bevor ich mit den Kuppen der Zeigefinger einen Stab an beiden Enden herausfische. Mit angehaltenem Atem schiebe ich einen oder zwei bereits „gesicherte“ Stäbe unter einen querliegenden Stab im Haufen, um ihn mit einem plötzlichen Impuls hoch- und seitwärts zu bugsieren. Stab für Stab lege ich beiseite. Satz für Satz gewinnt wieder an Sinn und Schönheit.

Noch ist das Bündel klein. Wenn ich fertig bin, schließe ich meine Hand darum und gebe die Übersetzung ab.

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