Italiens Voß: Pindemonte

Ippolito Pindemonte, 1753-1828. Veronese, aus allerbester Familie. Früher Tod des Vaters, Ausbildung in Modena, 1788 Kavalierstour durch Frankreich, Deutschland, Österreich. Frühes Interesse für Lyrik. Wie Salvini Mitglied der Accademia della Crusca. Ziemlich genau hundert Jahre trennen beider Odyssee-Übersetzungen: 1723 Salvini, 1822 Pindemonte.

Ippolito Pindemonte, Frontispiz der Erstausgabe seiner Odyssee-Übersetzung 1822. Fotografiert nach dem Exemplar in der Staatsbibliothek Berlin.

Zu seinen berühmtesten Werken gehört, steht im italienischen Wikipedia, die Übersetzung der Odyssee, und ganz besonders berühmt seien die ersten Worte der Anrufung, vergleichbar nur mit der Anrufung am Anfang der Ilias, wie sie Vincenzo Monti übersetzt hat. Die italienische Enzyklopädie Treccani dämpft allerdings die Erwartungen:

Heute ist er vor allem für die korrekte, gewissenhafte, in Teilen eng anliegende und wirkungsvolle Übersetzung der Odissea in Erinnerung, die jedoch im Vergleich mit dem komplizierten Original abfällt, so dass Pindemonte als Übersetzer weit hinter Montis Ungestüm und Inbrunst zurückbleibt.

https://www.treccani.it/enciclopedia/ippolito-pindemonte, abgerufen 21.02.2022, Übersetzung BD

Die in der Beitragsüberschrift angedeutete Parallele zwischen Voß und Pindemonte gilt nicht nur für die lange Rezeptionsgeschichte ihrer Homer-Übersetzungen. Beider Übersetzungen wurden zudem in Staaten rezipiert, die es zum Zeitpunkt ihrer Entstehung noch nicht gab. Deutschland und Italien waren politisch zersplittert, die gemeinsame Sprache galt den fortschrittlich Gesinnten als Unterpfand der Einigung.

Eine Interpretation, wie sie Madame Dacier in ihrem Odyssee-Kommentar in einem schon hundert Jahre zuvor durch und durch zentralistisch organisierten Frankreich vorlegte, kam weder Voß noch Pindemonte in den Sinn.

Musa, quell’uom di moltiforme ingegno
dimmi, che molto errò, poi’ebbe a terra
gittate d’Iliòn le sacre torri;
che città vide molte, e delle genti
l’indol conobbe; che sovr’esso affani,
mentra a guardar la cara vita intende,
e i suoi compagni a ricondur: ma indarno
ricondur desiava i suoi compagni,
che delle colpe lor tuti periro.
Stolti! che osaro vïolare i sacri
al Sole Iperïon candidi buoi
con empio dente, ed irritaro il Nume,
che del ritorno il dì lor non adusse.
Deh parte almen di sì ammirande cose
narra anco a noi, di Giove figlia, e Diva.

Pindemonte war 69, als er seine Übersetzung dem Setzer übergab. Seit 1806 arbeitete er an dem Mammutwerk, publizierte die ersten beiden Gesänge vorab 1809. 1814 war er beim zwölften Buch angelangt, 1819 soweit fertig, überarbeitete die Übersetzung aber noch mal drei Jahre lang. Vor der Odyssee hatte er schon anderes übersetzt, zum Beispiel Racines Berenice, einzelne Texte von Vergil, Horaz, Sappho, Catull oder Lukrez.

Seine Übersetzung hat eine Vorrede, aber keine Widmungsvorrede. Pindemonte reflektiert vielmehr die eigene Übersetzung. Das tat er bereits 1809 für die (Vorab-) Veröffentlichung des Anfangs der Odyssee 1809. Ein solches Vorwort zeugt von einem neuen Selbstbewusstsein der Übersetzenden, von einer Aufwertung der Tätigkeit, von einem Selbstverständnis, das sich allmählich aus der Umarmung von Philologie und Schulwesen löst.

Literatur

Omero: Odissea. Traduzione dal greco di Ippolito Pindemonte 1822. Volltext bei Wikisource

Enrico Luigi Rossi In: ders. (Hg.): L’epica classica nelle traduzioni di Caro, Dolce, Pindemonte, Monti, Foscolo, Leopardi, Pascoli e altri. Roma: Istituto poligrafico e zecca dello stato 2003, S. 1045ff

Viola Corrado: Pindemonte, Ippolito. In: Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 83 (2015), abgerufen 9.3.22

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