F.M.Feller

Fritz Miroslav Feller – schon in den Vornamen wird deutlich, dass da einer zweisprachig unterwegs war. Naheliegend, denn er wurde in Donja Stubica geboren, am 5. März 1901, als Untertan der Habsburger. Fritz hat in Zagreb und Wien studiert, dort Sigmund Freud für sich und den Marxismus entdeckt, auf Deutsch ein Buch mit dem Titel Das Unbehagen in der Zivilisation geschrieben, unschwer als Reaktion auf Freuds Das Unbehagen in der Kultur zu erkennen, er hat in Berlin gelebt, gab dort eine Zeitschrift heraus, Werbeberater (ein Parallelprojekt zur 1929 von ihm in Zagreb gegründeten Reklama), veröffentlichte 1932 bei A. Francke das Buch Psycho-Dynamik der Reklame usw. usf. Er gab sogar seinem Erstgeborenen einen deutschen Namen, Faust, und widmete ihm, „der zur Welt kam, als der Reichstag brannte“, seine Schrift mit dem schlichten Titel Hitler, im Selbstverlag unter einer Wiener Adresse im März 1933 erschienen.

Feller kam das Deutsche ebenso selbstverständlich über die Lippen wie das Kroatische. Er war eine vielleicht zeittypische und doch ausgesprochen wilde Mischung: Bohemien, Werbefachmann, Kommunist und Freudianer. Und Jude. 1933 gab er seine Berliner Wohnung auf, lebte in Wien, zeitweilig auch in Paris, und zog sich später auf eine kroatische Adriainsel zurück, Mljet, weil seine Frau in der Gemeinde als Ärztin arbeitete. Seine Publikationstätigkeit auf Deutsch fand ein Ende.

In den Jahren bis zu seinem Tod ergab es sich nicht mehr.

Zunächst wegen dem Krieg, Feller wurde 1941 von den Italienern interniert, überlebte das Lager und schloss sich 1943 den Partisanen an, veröffentlichte in der kurzen Atempause zwischen Weltkriegsende und erneuter Inhaftierung diesmal im sozialistischen Jugoslawien, wieder im Selbstverlag, aber auf Kroatisch eine Theorie des Lebens des Bewusstseins und der Erkenntnis auf Grundlage des dialektischen Materialismus. 1947 erschienen zwei weitere Bücher von ihm auf Kroatisch. 1949 wurde er zu Zwangsarbeit verurteilt. 1953 rehabilitiert, stieg er kometenhaft in der Kritikerszene auf, wie ein Dalibor Cvitan sinngemäß über ihn schrieb. 1956 jedoch zog sich Feller auf eine andere Insel in der Adria zurück und starb dort, fast vergessen, am 30. Mai 1961.

Auf Mljet entstanden 1939 handschriftliche und maschinenschriftliche Entwürfe für eine Veröffentlichung auf Kroatisch, die nicht zur Publikationsreife gelangte und posthum quasi aus der Schublade gekramt wurde. Daraus soll und darf ich jetzt einen Ausschnitt übersetzen. Das Thema ist keine Überraschung: Antisemitismus, genauer: Psychologie des Antisemitismus, einer der Arbeitstitel. Ein Thema, das ihn schon länger beschäftigte. Also ein theoretischer Text, ein Sachtext.

Was ich auffällig finde: Offenbar konnte Miroslav Feller, also der Fritz, mühelos zwischen Deutsch und Kroatisch wechseln – solange es sich um Sachthemen handelte. Nicht so bei literarischen Texten. Seine drei (mir) bekannten Gehversuche weisen in diese Richtung – ein expressionistischer Gedichtband 1920, die „graphic novel“ (den Begriff gab es damals freilich noch nicht) Vampir 1925, ein Roman über die Gründung einer Fischergenossenschaft 1939 – alle in Kroatisch geschrieben. In der Philosophie, in der Psychoanalyse, im Weltanschaulichen und Theoretischen mag ihm das Deutsche womöglich näher gelegen haben als das Kroatische, weil viele der Autoren, auf die er aufbaute, Deutsch dachten und schrieben. Er hatte Freuds Vorlesungen in Wien besucht, schrieb mit Marx für Freud und gegen kommunistische Kritiker der Psychoanalyse an. Er bewegte sich, ich erwähnte es schon, im Deutschen wie ein Fisch im Wasser.

Und doch war er wohl im Kroatischen einen Ticken wendiger. Selbst wenn der Gedichtband Vapaj za nadčovjekom (Sehnsucht nach dem Übermenschen) sehr nach Nietzsche klingt – Poesie, aber auch prosaische Literaturformen verlangen eine ganz andere, viel größere Beweglichkeit in der Sprache als Sachthemen. Sie sind dichter an der Emotion. Und die wiederum hängt direkt an der eigenen Biografie, an Erlebnissen, die unter die Haut gehen, ohne Umweg über das Gehirn (bildlich gesprochen, dass das physiologisch anders abläuft, ist mir schon klar). Trotz aller Zweisprachigkeit, das wäre meine Schlussfolgerung, war Miroslav Feller vor allem Kroate, in sprachlicher Hinsicht wohlgemerkt.

Doch um endlich auf die Ausgangsfrage zu kommen, wie einen übersetzen, der selbst viel zu demselben Thema in der Zielsprache der Übersetzung geschrieben hat: Da bleibt nichts, als sich des Autors deutsche Texte anzuschauen, um Sprachgebrauch und Wortwahl adaptieren zu können. Wenigstens ein bisschen, nicht zu sehr, nicht übertreiben – schon damals war z.B. das Dativ-E auf dem Rückzug.

Zum Glück haben sich in der Berliner Staatsbibliothek zwei Bücher von Feller erhalten, in ihnen prangt der Stempel „Preußische Staatsbibliothek Berlin“, die sind offenbar der Bücherverbrennung entkommen, die Goebbels anzettelte, mit dem sich Feller in Berlin mal persönlich unterhalten hat, wie er in dem geplanten Vorwort zu dem unveröffentlichten kroatischen Antisemitismus-Text, den ich gerade übersetze, schreibt; zwei weitere Bücher von Feller sind im Katalog als Kriegsverlust geführt.

Ich hab vor der Adaptation so einen Respekt, dass ich mir mit diesem Beitrag noch mal Bedenkzeit verschafft habe …

Quellen (alle kroatisch, alle abgerufen am 30. Juni 2026)

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