Wühlen?

Ich arbeite gerade an zwei kurzen Geschichten aus Miljenko Jergovićs 2024 erschienenen Buch Rat, Krieg, für die Grazer Literaturzeitschrift Lichtungen. Zwei ganz kurze Texte, jeweils kaum eine Normseite in der Übersetzung. Schnell gemacht, sollte man meinen. Insgesamt wohl, aber pro Wort muss ich die doppelte bis xfache Zeit veranschlagen. Gerade bei kurzen Texten muss alles stimmen. Und so grübele ich über jede Nuance.

Haben Uhren, so frage ich mich beispielsweise, Eingeweide? Oder sollte ich nicht besser vom Innenleben sprechen? Konkret heißt der kroatische Satz: Sa zahvalnošću prebirao je po utrobama satova. Es geht um einen Uhrmacher, der als einziger mit Frau und Kind den Überfall feindlicher Soldateska überlebt hat; er ist dankbar, weil sie ihm Frau und Kind gelassen haben. Dankbar also repariert er Uhren, für niemanden. Damit die Zeit nicht stehenbleibt. Öffentliche Uhren am Bahnhof und in der Stadt, private Uhren fürs Handgelenk oder die Wohnung, Wecker und Liebhaberstücke.

Eine Übersetzungsmöglichkeit des eben zitierten Satzes wäre: Voller Dankbarkeit widmete er sich dem Innenleben von Uhren. Das ist aber zu glatt, zu innerlich-seelisch. Utroba ist kein angenehmes Wort, wie Innenleben suggeriert. Es meint das Gedärm, die Eingeweide, das, was im Unterleib untergebracht ist. Bei einer Uhr von Gedärm zu sprechen, passt weder zur Mechanik der Rädchen und Zähnchen noch zum cleanen Image elektronischer Uhren. Also Eingeweide. Dankbar widmete er sich den Eingeweiden von Uhren – das klingt total schräg und scheidet definitiv aus.

Widmen als Übersetzung für prebirati ist eine typische übersetzerische Seitwärtsbewegung. Für mich hängt die Interpretation und damit die Übersetzung an diesem Wort, hier im Partizip Perfekt Singular maskulin: prebirao je. Es bedeutet auslesen, z.B. Erbsen (die guten ins Töpfchen), sortieren oder aussortieren. Das passt zu Uhren, aber nicht zu Eingeweiden. Lasse ich den Uhrmacher also in Eingeweiden wühlen? Passt leider nicht zu Uhren, die sind – abgesehen von mittelalterlichen Turmuhren – zu klein, zu filigran für so ein pauschales Gemansche.

Und so beginnt das große Synonymesuchen: Klauben? Picken? Fleddern? Zerlegen? Stöbern? DWDS kann mich auf Ideen bringen, aber meistens muss ich mich auf meinen eigenen Wortschatz verlassen. Kramen? Stochern? Auseinanderrupfen? Zerpflücken?

Nichts will so richtig funktionieren.

Das ist das Kreuz mit den unterschiedlichen Bedeutungshöfen einzelner Wörter in verschiedenen Sprachen. Wo es im Kroatischen mühelos zusammengeht, breche ich mir auf Deutsch einen ab.

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